Ich spürte keine Genugtuung. Nur eine unendliche, bleierne Leere.
„Und Harold?“, fragte ich.
„Ihr Onkel kooperiert bereits“, sagte Miller mit einem Anflug von Abscheu. „Kaum dass die Handschellen klickten, hat er angefangen zu reden wie ein Wasserfall, um der Todesstrafe zu entgehen. Er bestätigt alles. Er hat die Papiere aufgesetzt. Er hat damals die Substanzen besorgt, um das Herz Ihres Vaters zu schwächen. Er behauptet, Evelyn sei die treibende Kraft gewesen. Eine Narzisstin sondergleichen, die den Gedanken nicht ertragen konnte, ihren Wohlstand oder die Kontrolle über Sie zu verlieren.“
Miller sah mich forschend an. „Ihre Mutter verlangt, Sie zu sehen. Sie weigert sich, mit ihrem Pflichtverteidiger zu sprechen, solange sie nicht mit Ihnen geredet hat. Sie haben das Recht, das abzulehnen. Niemand verlangt von Ihnen, diesen Raum zu betreten.“
Ich blickte auf meine Hände. Die kleinen Schürfwunden, die ich mir am Schloss des Schuppens zugezogen hatte, waren rot und verkrustet.
„Ich will sie sehen“, sagte ich.
Santos warf mir einen besorgten Blick zu. „Caleb, das müssen Sie nicht tun. Sie wird versuchen, Sie zu manipulieren. Sie tut das seit dreißig Jahren.“
„Ich weiß“, erwiderte ich. „Aber dieses Mal wird es nicht funktionieren.“
Der Besuchsraum im Trakt für Untersuchungshäftlinge war kahl, kalt und roch nach feuchtem Beton und billigem Reinigungsmittel. Zwischen mir und der gegenüberliegenden Seite befand sich eine dicke Scheibe aus Panzerglas, unterbrochen nur durch eine kleine Sprechmuschel aus perforiertem Stahl.
Die Tür auf der anderen Seite quietschte.
Zwei Wärter führten eine Frau herein.
Es dauerte einen Moment, bis mein Verstand begriff, dass dies Evelyn war.
Die makellose cremefarbene Bluse war verschwunden, ersetzt durch einen unförmigen, orangenen Overall. Die Perlenohrringe waren beschlagnahmt worden, ihre Ohrläppchen wirkten kahl und schlaff. Ohne ihr Haarspray und ihre morgendliche Routine hing ihr graublondes Haar strähnig und fettig um ihr eingefallenes Gesicht. Sie trug keine Schminke. Ohne die sorgfältig konstruierte Maske der eleganten Vorstadt-Matriarchin sah sie einfach nur alt aus. Bitter, gebeugt und bösartig.
Als sie mich sah, glimmte für den Bruchteil einer Sekunde etwas in ihren Augen auf – jener vertraute, herrschsüchtige Funke, der mein ganzes Leben bestimmt hatte.
Sie setzte sich auf den Metallstuhl, hob den Hörer des internen Telefons ab und klopfte ungeduldig gegen das Glas.
Ich nahm den Hörer auf meiner Seite ab. Ich hielt ihn an mein Ohr, sagte aber nichts.
„Caleb“, ihre Stimme klang durch die Leitung schrill, verzerrt und voller Vorwurf. „Endlich. Weißt du, wie man mich hier behandelt? Sie haben mir meine Medikamente verweigert! Diese Tiere haben mich durchsucht, als wäre ich eine Kriminelle!“
Ich schwieg.
Sie runzelte die Stirn, verärgert über meine fehlende Reaktion. „Hör mir gut zu. Harold hat den Verstand verloren, er redet wirres Zeug, weil die Polizei ihm Angst gemacht hat. Du musst einen richtigen Anwalt engagieren. Nimm das Geld von unserem Notfallkonto. Geh zu Robert Callahan in der Innenstadt. Er kennt die Richter. Er wird diese Farce innerhalb von vierundzwanzig Stunden beenden.“
Ich sah sie einfach nur an. Ich musterte ihre Falten um den Mund, die Kälte in ihren grauen Augen, die vollkommene Abwesenheit von Reue.
„Maya hat überlebt“, sagte ich leise.
Evelyns Lippen kräuselten sich zu einer Verachtung, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Natürlich hat sie das. Sie hat schon immer Theater gespielt. Eine verwöhnte, manipulative kleine Person, die sich zwischen uns gedrängt hat. Du hast sie immer verteidigt! Wenn du nicht zwei Tage zu früh aufgetaucht wärst, wäre alles geregelt gewesen. Sie wäre weg gewesen, Caleb! Wo sie hingehört! Und wir hätten wieder ein normales Leben führen können!“
„Sie ist mit deinem Enkelkind schwanger, Evelyn.“
„Dieses Kind ist eine Waffe gegen mich!“, zischte sie in den Hörer. Ihre Augen traten leicht hervor, Speichel bildete sich in ihren Mundwinkeln. „Sie wollte dich mir wegnehmen! Genau wie dein Vater es tun wollte! Arthur war schwach, genau wie du! Er dachte, er könnte mich bloßstellen, er dachte, er könnte mich ruinieren nach allem, was ich für ihn geopfert habe!“
Da war es.
Keine Leugnung. Keine Ausrede. Nur der nackte, grenzenlose Wahnsinn einer Frau, die die Welt nur als Kulisse für ihr eigenes Ego begriff.
„Du hast Dad ermordet“, sagte ich. Meine Stimme zitterte nicht. Sie war vollkommen flach.
Evelyn erstarrte für eine Sekunde. Dann blitzte ein grausames, triumphierendes Lächeln über ihr Gesicht. „Er hat bekommen, was er verdient hat. Er wollte die Familie zerstören. Ich habe getan, was nötig war, um unsere Position zu halten. Und was habe ich davon? Einen Sohn, der vor einer fremden Frau auf die Knie fällt und seine eigene Mutter ins Gefängnis wirft.“
Sie lehnte sich vor, presste ihre Stirn fast an das Glas. „Aber du wirst mir helfen, Caleb. Du musst. Ich bin deine Mutter. Ohne mich wärst du nichts. Du bist aus meinem Fleisch und Blut. Du kannst mich nicht hier verrotten lassen. Das wirst du nicht überleben. Das Gewissen wird dich auffressen.“






