Draußen begann ein feiner Nieselregen zu fallen. Die Wassertropfen perlten an der Fensterscheibe ab und verzerrten das Licht der Straßenlaternen, die gerade flackernd zum Leben erwachten. Die Dämmerung legte sich wie ein schwerer, grauer Schleier über West Portland.

Ich entsicherte das Holster meiner Dienstwaffe mit einer geübten Daumenbewegung. Die Waffe blieb im Halfter, aber die Sicherungsschlaufe war offen. Ich wollte auf alles vorbereitet sein.

17:14 Uhr.

Am Ende der Straße erschien eine Silhouette.

Ein Mann. Groß, schlank, in einem langen, eleganten Wollmantel. Er trug eine Aktentasche aus braunem Leder in der rechten Hand und ging mit einem gemessenen, fast militärisch präzisen Schritt voran. Kein Blick nach links oder rechts. Sein Kopf war geradeaus gerichtet, der Kragen seines Mantels gegen den Nieselregen hochgeschlagen.

Dr. Arthur Vance.

Ich spürte, wie sich Tobys ganzer Körper auf dem Sofa versteifte. Obwohl er den Mann durch das Fenster nicht sehen konnte, schien er dessen Anwesenheit instinktiv zu spüren. Das feine Klicken seiner Uhr ertönte leise – ein kurzer Signalton.

„Er ist da“, flüsterte Toby mit erstickter Stimme. „Er ist da.“

„Ganz ruhig, Kleiner“, sagte ich, ohne den Blick vom Fenster abzuwenden. „Bleib genau da sitzen. Rühr dich nicht.“

Vance passierte die Auffahrt. Er bog auf den gepflasterten Gehweg ein, der zur Veranda führte. Seine Schritte auf den nassen Holzstufen waren dumpf und rhythmisch. Drei Stufen. Eine kurze Pause.

Ich sah im Augenwinkel, wie sich die Türen des grauen Vans und der Limousine lautlos öffneten. Vier Beamte in dunklen Ziviljacken mit gezogenen Waffen traten auf den Gehweg. Miller führte sie an. Sie bewegten sich lautlos über den nassen Rasen, schnitten Vance den Rückweg ab.

Vance blieb vor der Haustür stehen. Er griff in die Manteltasche, zog seinen Schlüsselbund hervor – und stutzte.

Sein Blick fiel auf das Türschloss. Er sah, dass der Riegel nicht vorgeschoben war. Dass die Tür einen Millimeter zu weit im Rahmen stand.

In diesem Sekundenbruchteil erkannte das Monster, dass etwas nicht stimmte.

Vance drehte sich blitzschnell um – und sah Miller und die Fahnder, die nur noch fünf Meter von ihm entfernt waren, die Waffen im Anschlag.

„Polizei! Stehen bleiben! Hände da, wo wir sie sehen können!“, hallte Millers Stimme scharf und unmissverständlich durch die regennasse Dämmerung.

Was dann geschah, lief mit einer furchtbaren, surrealen Geschwindigkeit ab.

Anstatt die Hände zu heben, anstatt sich zu ergeben wie ein ertappter Krimineller, griff Vance mit einer unheimlichen Ruhe in seine linke Manteltasche. Er zog keine Waffe hervor. Er zog ein kleines, schwarzes Gerät mit einem einzigen, roten Druckknopf heraus.

Ein Fernzünder. Oder etwas Schlimmeres.

„Nicht bewegen!“, schrie Miller.

Drinnen im Zimmer stieß Toby plötzlich einen gellenden, markerschütternden Schrei aus.

Ich riss die Haustür von innen auf, die Dienstwaffe in beiden Händen, den Blick fest auf Vance gerichtet.

„Lassen Sie das Gerät fallen! Sofort!“, brüllte ich.

Vance zuckte nicht einmal zusammen, als die Tür hinter ihm aufflog. Er drehte den Kopf nur leicht zur Seite, seine kalten, grauen Augen fixierten mich durch randlose Brillengläser. Kein Anflug von Furcht, keine Überraschung. Nur eine abgrundtiefe, hochmütige Verachtung.

„Officer Dunham“, sagte er ruhig, seine Stimme erstaunlich melodisch und kultiviert. „Sie haben einen gravierenden Fehler gemacht. Sie haben die Integrität eines abgeschlossenen Systems verletzt.“

„Legen Sie das Ding auf den Boden, Vance, oder ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, Sie verlassen diese Veranda nicht auf eigenen Beinen!“, rief ich, während Miller und ihre Beamten die Verandastufen stürmten.

„Wissen Sie, was dieser Knopf bewirkt, Officer?“, fragte Vance mit einem leisen, beinahe mitleidigen Lächeln. Er sah nicht mich an, sondern blickte an mir vorbei, direkt in das dunkle Wohnzimmer, wo Toby zitternd kauerte. „Das Implantat an seinem Handgelenk ist nicht nur ein Ortungssender. Es enthält eine Mikrokapsel mit Kaliumchlorid. Ein einziger Impuls… und das Herz des Subjekts stoppt innerhalb von vier Sekunden. Ein sauberer Abschluss. Keine Fehler. Kein Weiterleben in Schande.“

Mein Atem stockte. Eine Welle eiskalter Lähmung drohte mich zu überrollen.

„Sie bluffen“, presste ich hervor, aber meine Hände um den Griff der Waffe wurden nass vor Schweiß.

„Wollen Sie das Risiko eingehen?“, erwiderte Vance sanft. „Wenn Sie schießen, verkrampfen sich meine Muskeln. Der Schalter löst aus. Toby stirbt. Wenn ich den Daumen hebe, stirbt er ebenfalls. Es ist ein Totmannschalter. Eine einfache, elegante Lösung für den Fall unvorhergesehener Störungen.“

Miller und die anderen Beamten blieben auf den Stufen wie angewurzelt stehen, die Waffen auf Vances Brustkorb gerichtet. Niemand wagte es zu atmen. Die Spannung in der Luft war so schneidend, dass man sie mit den Händen hätte greifen können.

„Was wollen Sie, Vance?“, fragte Miller mit harter, kontrollierter Stimme.

„Freies Geleit“, antwortete er ohne Zögern. „Sie lassen mich zu meinem Wagen gehen. Sie ziehen Ihre Einheiten ab. Sobald ich den Bundesstaat verlassen habe und mich in Sicherheit befinde, deaktiviere ich das Signal über das Hauptterminal in meinem Labor. Der Junge bleibt am Leben. Er ist ohnehin kompromittiert. Ein fehlerhaftes Exemplar, verdorben durch seine Schwäche. Ich habe keine Verwendung mehr für ihn.“