Die Stille im Konferenzraum der Hawthorne Preparatory School verwandelte sich in etwas Zähflüssiges, Kaltes, das den Anwesenden die Luft abschnitt.

„Wer zur Hölle ist Roman?“, wiederholte Conrad Voss, und seine Stimme schwankte zwischen der gewohnten Arroganz eines Mannes, der sein Leben lang Befehle erteilt hatte, und einer hauchdünnen Note nervöser Gereiztheit. Er rückte seine Krawatte zurecht. Das Seidentuch in seiner Brusttasche saß perfekt, doch an seinem Hals pulsierte eine dicke, bläuliche Ader.

Silas Crowe antwortete nicht sofort. Er tat etwas, das Conrads Nerven weitaus mehr strapazierte: Er ignorierte ihn völlig.

Silas kniete sich mit einer geschmeidigen, kontrollierten Bewegung hin, die man einem Mann von seiner Statur kaum zugetraut hätte. Seine maßgeschneiderte Wollhose berührte das dunkle Parkett, ohne dass es ihn kümmerte, und mit ruhigen, präzisen Fingern begann er, die verstreuten Papiere aufzusammeln. Blatt für Blatt. Die Kontenauszüge von North Vale Educational Consulting, die gefälschten Stiftungsberichte, die Streichungsliste der neunzehn Stipendiaten, auf der ganz oben der Name Owen Price stand.

„Silas“, flüsterte Evelyn. Ihre Hand lag immer noch schützend auf ihrem Bauch. Ihr Herz hämmerte so heftig gegen ihre Rippen, dass ihr schwindelig wurde. „Tu das nicht. Geh einfach. Ich wollte dich nicht hierhaben.“

Silas hob das letzte Blatt auf, klopfte den Stapel an der Kante des massiven Walnusstisches gerade und stand auf. Als er Evelyn ansah, lag in seinen bernsteinfarbenen Augen kein Zorn – dort lag etwas unendlich Gefährlicheres: absolute Entschlossenheit. Er zog ein sauberes, schneeweißes Stofftaschentuch aus seiner Manteltasche und reichte es ihr.

„Du blutest am Mundwinkel, Evie“, sagte er leise.

Evelyn nahm das Tuch nicht. Sie weigerte sich, Schwäche zu zeigen, während siebenundzwanzig Augenpaare auf sie gerichtet waren. Stattdessen strich sie mit dem Daumen über ihre Lippe und spürte die feuchte, metallische Wärme.

„Ich habe Sie etwas gefragt, mein Herr“, mischte sich Conrad nun lauter ein, unterstützt von der Anwesenheit der beiden Sicherheitsmänner, die unsicher an der Schwelle verharrten. „Wer sind Sie, was tun Sie in einer internen Sitzung des Schulvorstands, und von wem sprechen Sie? Wenn Sie nicht innerhalb von zehn Sekunden dieses Gebäude verlassen, lasse ich Sie wegen Hausfriedensbruchs festnehmen.“

Silas drehte sich langsam um. Seine Hände ruhten locker in den Manteltaschen. Es war die Haltung eines Mannes, der in einem Raum voller Raubtiere stand und wusste, dass er das einzige Wesen war, das Giftzähne besaß.

„Mein Name ist Silas Crowe“, sagte er, und seine Stimme trug mühelos durch den hohen Raum bis hinauf zu den Stuckverzierungen der Decke. „Ich bin der leitende Justiziar der Vane Global Holdings. Und der Mann, nach dem Sie fragten – Roman – heißt mit vollem Namen Roman Mercer. Evelyns älterer Bruder.“

Ein Geräusch ging durch den Raum. Es war kein Flüstern. Es war das scharfe, panische Einatmen von Wallace Kemp, dem ältesten Treuhänder am Tisch. Der alte Mann, dessen Familie seit drei Generationen die New Yorker Bankenwelt mitbestimmte, war kreidebleich geworden. Seine Hände zitterten so heftig, dass der Montblanc-Füller aus seinen Fingern glitt und mit einem hohlen Klacken über den Tisch rollte.

„Roman Mercer?“, stammelte Kemp. Er stützte sich schwer auf die Tischkante und sah Evelyn an, als sähe er sie zum ersten Mal im Leben. „Mercer… Sie sind die Schwester von Roman Mercer?“

„Das ist irrelevant“, zischte Conrad, dessen Blick zwischen Kemp und Silas hin- und herirrte. Er spürte, wie die Kontrolle über das Zimmer ihm wie nasser Sand durch die Finger rann. „Mir ist völlig gleichgültig, wer ihre Familie ist! Diese Frau hat verleumderische Anschuldigungen erhoben, vertrauliche Finanzunterlagen entwendet und die Schule in Misskredit gebracht. Sie ist gefeuert. Und Sie, Mr. Crowe, haben hier keinerlei Befugnisse.“

Silas zog eine Hand aus der Manteltasche. Darin lag ein schwarzes, unauffälliges Telefon.

„Ich habe keine Befugnisse, Schulleiter Voss. Aber Roman hat sie. Roman besitzt unter anderem die Mehrheitsanteile an der Sterling Trust Bank, welche zufälligerweise die ausstehende Hypothek über achtundzwanzig Millionen Dollar für Ihren neuen naturwissenschaftlichen Campus hält. Jene Hypothek, deren Refinanzierung heute Morgen um elf Uhr von Ihrem Finanzausschuss beantragt wurde.“ Silas blickte kurz auf seine schlichte Armbanduhr. „Es ist jetzt kurz nach halb vier. Vor genau sechs Minuten hat Roman die Kreditsicherung gestoppt.“

Ein Entsetzen legte sich über die Eltern und Vorstandsmitglieder. Eine Frau in einem Kaschmirmantel, Mutter von zwei Schülern und Großspenderin, stand abrupt auf. „Wallace, stimmt das? Ist die Schule überschuldet?“

„Setzen Sie sich, Eleanor!“, rief Conrad, doch seine Stimme überschlug sich beinahe. Der Schweiß stand ihm nun sichtbar auf der Stirn. Er wandte sich wieder an Silas, seine Augen funkelten vor Verachtung. „Das ist Erpressung. Ein billiger Einschüchterungsversuch! Sie können mir gar nichts. Ich habe diese Schule aufgebaut! Ich habe die Spenden verdoppelt! Und was diese schwangere Göre da behauptet, ist frei erfunden!“

Er hatte das Wort kaum ausgesprochen, als Silas einen Schritt nach vorne machte. Es war nur ein einziger Schritt, doch beide Sicherheitsleute traten unwillkürlich einen Schritt zurück. Keiner von ihnen dachte auch nur daran, einzugreifen.