„Noch nicht. Ich wollte es nach der Geburt machen, wenn die Schonfrist vorbei ist. Aber jetzt…“
„Jetzt“, unterbrach mich Marcus mit schneidender Schärfe, „übernehmen wir die Kontrolle. Claire, wenn du die Wandlung vollziehst, bist du nicht nur Mehrheitseigentümerin. Nach den Statuten von Delaware, die wir damals aufgesetzt haben, besitzt die Class A Preferred Share das exklusive Recht, die Geschäftsführung mit sofortiger Wirkung ohne Angabe von Gründen abzuberufen und den Vorstand neu zu besetzen.“
„Ich weiß“, sagte ich.
„Und was ist mit der Serie A?“, fragte Marcus. „Er brüstet sich in den Branchenblättern mit einem Einstieg von Vanguard Horizon Ventures. Zehn Millionen Dollar Bewertung.“
„Vanguard investiert nicht in ein Unternehmen, dessen geistiges Eigentum und Kundenstamm bei einer Holding liegen, die von einer feindlichen Mehrheitseignerin kontrolliert wird“, sagte ich kalt. „Die Serie A existiert nur auf dem Papier, solange ich die Freigabe nicht erteile.“
„Gut“, sagte Marcus. Ich hörte das Klappern einer Tastatur im Hintergrund. „Ich setze die Wandlungsurkunde sofort auf. Mein Notar wird sie um Mitternacht siegeln. Ich lasse die Unterlagen morgen früh um acht Uhr im Register von Dover hinterlegen und schicke eine beglaubigte Kopie per Kurier an Ethans Hauptsitz und an Harold Vance. Aber Claire… wie geht es dir physisch? Du klingst schwach.“
„Ich blute seit drei Monaten, Marcus. Evelyn Chen ist auf dem Weg zu mir.“
Marcus verstummte für einen Moment. Als er wieder sprach, war seine Stimme gefährlich leise. „Du bleibst im Bett. Ich werde morgen um neun Uhr in deinem Wohnzimmer sein, wenn dieser armselige Bastard auftaucht. Du sagst kein Wort. Lass mich die Verhandlung führen.“
„Nein“, entgegnete ich fest. „Ich will sein Gesicht sehen, Marcus. Ich will sehen, wie ihm die Welt, die er auf meinem Rücken aufgebaut hat, um die Ohren fliegt. Sei um 8:30 Uhr hier. Bring die Papiere mit.“
„Ich bin da“, sagte Marcus. „Ruh dich aus, Claire. Morgen schreiben wir die Geschichte um.“
Als ich auflegte, klingelte es an der Haustür.
Evelyn Chen kam herein wie ein Wirbelwind, eine schwere Ledertasche in der Hand, ihr Gesicht von Sorge gezeichnet. Sie stellte keine Fragen über Ethan, obwohl sie seine Koffer im Flur stehen sah. Sie packte mich am Arm, führte mich ins Schlafzimmer, legte mir eine Venenverweilkanüle und hängte einen Beutel Ringer-Laktat-Lösung sowie hochdosierte Tranexamsäure an den Kleiderhaken über meinem Bett.
„Sie haben Glück, dass Sie nicht ohnmächtig geworden sind“, schimpfte sie leise, während sie meinen Blutdruck maß. „85 zu 50. Wenn das bis morgen früh nicht besser wird, Claire, fahre ich Sie persönlich ins Mount Sinai, Scheidung hin oder her.“
„Es wird besser“, flüsterte ich.
Als die kühle Flüssigkeit in meine Venen floss, spürte ich, wie die Benommenheit langsam wich. Der eiserne Geschmack im Mund, das Rauschen in den Ohren – alles trat zurück hinter eine kristallene, eisige Klarheit.
Evelyn blieb die halbe Nacht. Sie saß im Sessel neben Noahs Stubenwagen, überwachte meinen Tropf und las medizinische Fachjournale, während ich die Stunden zählte. Jeder Glockenschlag der Standuhr im Flur war wie das Ticken eines Zeitzünders.
Um sechs Uhr morgens zog Evelyn die Nadel. Mein Blutdruck hatte sich stabilisiert: 110 zu 70. Die Blutung hatte sich endlich, zum ersten Mal seit Wochen, auf ein Minimum reduziert.
„Sie sehen immer noch aus wie ein Geist“, sagte Evelyn, während sie ihre Tasche packte. „Aber Ihre Augen… Ihre Augen sehen gefährlich aus.“
„Ich bin nicht mehr krank, Evelyn“, sagte ich und stand auf. Meine Beine hielten mein Gewicht. Kein Zittern. Keine Schwäche. „Ich bin geheilt.“
Ich duschte. Das heiße Wasser wusch die Erschöpfung der letzten Wochen fort. Ich zog nicht den grauen Bademantel an.
Ich ging in den begehbaren Kleiderschrank, schob die lockeren Umstandskleider beiseite und griff nach dem, was ich vor meiner Schwangerschaft getragen hatte: einem maßgeschneiderten, anthrazitfarbenen Hosenanzug von Armani. Er saß etwas enger an den Hüften, mein Körper hatte sich verändert, aber er verlieh mir die Silhouette einer Frau, die keine Gnade kannte. Ich band meine Haare zu einem strengen, tiefen Dutt, trug dezentes Make-up auf, um die Blässe zu kaschieren, und wählte einen dunkelroten Lippenstift – Rouge Noir.
Um 8:20 Uhr fuhr eine schwarze Mercedes-Limousine vor. Marcus Croft stieg aus.
Er trug einen tadellosen Nadelstreifenanzug, seine silbernen Haare waren perfekt zurückgekämmt, und unter dem Arm trug er eine schwere Ledermappe. Als er die Tür betrat, musterte er mich von Kopf bis Fuß. Ein schmales, anerkennendes Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
„Da ist sie ja wieder“, sagte er leise. „Die beste Forensikerin, die dieses Land je gesehen hat.“
„Hast du alles?“, fragte ich.
Er klopfte auf die Mappe. „Eingetragen im Staatsregister von Delaware heute Morgen um 7:45 Uhr. Beglaubigte Ausfertigung liegt vor. Wir haben außerdem den Banken – JPMorgan Chase und First Horizon – eine formelle Mitteilung über den Kontrollwechsel zugestellt. Sämtliche Zeichnungsberechtigungen von Ethan Vance Miller wurden mit Wirkung von 8:00 Uhr vorläufig gesperrt, bis der neue Vorstand bestätigt ist.“






