Ich atmete tief ein. Ein Gefühl von unendlicher Leichtigkeit durchströmte mich. „Und Sloane Mercer?“
Marcus grinste, ein kaltes, raubtierhaftes Grinsen. „Ich habe heute Nacht ihre Personalakte durchleuchtet. Wusstest du, dass ihr früherer Arbeitgeber in Chicago sie wegen Veruntreuung von Marketingbudgets gefeuert hatte? Ethan hat sie eingestellt, ohne eine Hintergrundprüfung zu machen. Er hat ihr Gehalt vor drei Monaten um vierzig Prozent erhöht – aus Mitteln, die eigentlich für die Tilgung deines Darlehens reserviert waren. Sie hat Firmenkreditkarten für private Luxusreisen nach Paris und Aspen genutzt.“
„Er hat ihr meine Arbeit gegeben“, sagte ich ruhig. „Und sie hat ihn ausgeraubt.“
„Klassische Hybris“, nickte Marcus. „Lass uns frühstücken. Wir haben noch zwanzig Minuten.“
Wir setzten uns an den Esstisch. Ich goss Marcus Kaffee ein. Noah schlief friedlich in seinem Zimmer, satt und warm.
Punkt 8:58 Uhr hörten wir das Geräusch von zwei Autos, die in die Auffahrt bogen.
Ein lautes Zuschlagen von Autotüren. Stimmen. Lachen. Sloane Mercer lachte, ein helles, sorgloses Klingen, das durch den kühlen Morgen hallte. Dann das vertraute Geräusch des Schlüssels im Schloss.
Die Haustür schwang auf.
Ethan trat ein. Er trug einen neuen, maßgeschneiderten marineblauen Anzug, die Haare pomadisiert, in der Hand einen Aktenkoffer und einen Kaffeebecher von Starbucks. Hinter ihm stolzierte Sloane, gekleidet in ein makelloses cremefarbenes Kostüm, eine Sonnenbrille im Haar, gefolgt von einem untersetzten, kahlköpfigen Mann mit schief sitzender Krawatte – Harold Vance.
„Claire!“, rief Ethan mit gespielter Fröhlichkeit in die Diele. „Wir sind da. Harold hat die finalen Dokumente mitgebracht. Wenn wir das schnell abwickeln, können die Umzugshelfer um zehn Uhr anfangen—„
Er verstummte mitten im Satz, als er das Wohnzimmer betrat.
Sein Blick fiel zuerst auf mich. Ich saß aufrecht am Kopfende des Tisches, die Hände locker auf der polierten Mahagoniplatte verschränkt, der Armani-Anzug wie eine Rüstung. Neben mir saß Marcus Croft, der in aller Seelenruhe an seiner Kaffeetasse nippte und die Neuankömmlinge nicht einmal sofort ansah.
Ethans Lächeln gefror. Seine Augen wanderten von mir zu Marcus, und ich sah, wie die Farbe langsam aus seinem Gesicht wich.
Harold Vance hingegen blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen. Seine Aktentasche rutschte ihm fast aus der Hand. „M-Mr. Croft?“, stammelte er, und seine Stimme überschlug sich beinahe.
„Harold“, sagte Marcus langsam und stellte die Tasse mit einem leisen Klacken auf die Untertasse. „Immer noch bei Vance & Sterling? Ich dachte, man hätte dich nach dem Debakel mit der Insolvenzanfechtung bei Trenton Logistics in den Ruhestand geschickt.“
Vance schluckte trocken. Er strich sich nervös über die Stirn. „Was… was tun Sie hier?“
„Ich vertrete die Mehrheitsgesellschafterin der Apex Meridian Holdings LLC“, antwortete Marcus mit schneidender Ruhe.
Ethan fing sich wieder. Sein Gesicht rötete sich vor Zorn, die Adern an seinen Schläfen traten hervor. Er stellte den Kaffeebecher so heftig auf den Beistelltisch, dass Flüssigkeit überschwappte.
„Was soll dieses Theater, Claire?“, herrschte er mich an. Er ignorierte Marcus und trat drohend an den Tisch heran. „Wer bezahlt diesen Mann? Glaubst du wirklich, du kannst mich mit einem teuren Anwalt einschüchtern? Ich habe dir gestern Nacht gesagt, wie das hier läuft! Harold, gib ihr die Papiere. Wir haben keine Zeit für diesen Zirkus. Sloane und ich haben um elf Uhr ein Meeting mit den Partnern von Vanguard Horizon Ventures!“
Sloane trat neben Ethan, verschränkte die Arme und sah mich mit spöttischem Mitleid an. „Claire, wirklich. Verkleidest du dich jetzt als Geschäftsfrau? Es ist traurig, wie verzweifelt du versuchst, Kontrolle vorzutäuschen. Du schadest nur deinem Sohn. Unterschreib die Vereinbarung, nimm das Geld und erspar dir die Demütigung vor Gericht.“
Ich sah Sloane an. Ich musterte ihre Perlenohrringe, ihre glänzenden Lippen, die absolute, ungebrochene Gewissheit in ihren Augen, dass sie gewonnen hatte.
„Harold“, sagte ich leise. Mein Tonfall war so ruhig, dass Harold Vance zusammenzuckte. „Haben Sie Ihrem Mandanten heute Morgen die E-Mails aus Delaware weitergeleitet?“
Vance starrte mich an, dann griff er mit zitternden Händen nach seinem Smartphone. „Ich… ich habe vor dem Termin nicht mehr ins Postfach geschaut, wir waren im Stau—„
„Dann schlage ich vor, Sie tun das jetzt“, sagte Marcus Croft.
Vance entsperrte sein Telefon. Seine Finger flogen über das Display. Plötzlich weiteten sich seine Augen. Sein Mund öffnete sich leicht, und ein leises, ersticktes Geräusch entkam seiner Kehle.
„Was ist los, Harold?“, fuhr Ethan ihn an, sichtlich genervt. „Lies ihr die Klausel über den Verzicht vor!“
„Ethan…“, flüsterte Vance. Er sah aus, als hätte er gerade einen Geist gesehen. Er blickte von seinem Bildschirm auf zu Marcus, dann zu mir, und sein Gesicht wurde aschfahl. „Das… das kann nicht sein.“
„Was kann nicht sein?!“, brüllte Ethan nun fast.
„Die Apex Meridian Holdings LLC“, stotterte Vance, während ihm der Schweiß auf die Stirn trat. „Heute Morgen um 7:45 Uhr… die Vorzugsaktien der Klasse A wurden gewandelt. Die Stimmrechtsmehrheit von 51 Prozent… sie liegt nicht mehr bei dir.“






