„Keinen einzigen, Euer Ehren.“
Die Worte kamen nicht von Claire. Sie kamen auch nicht von Miriam Cole. Sie kamen aus Daniels eigener Kehle, rau, dünn und trocken wie altes Papier.
Er versuchte sofort, den Satz mit einem Räuspern wieder einzufangen, zog die Schultern hoch und strich fahrig über das Revers seines nachtblauen Sakkos. „Das heißt … aus beruflichen Gründen war es mir bisher leider unmöglich, persönlich anwesend zu sein. Meine Position als Senior Portfoliomanager bei Vanguard Dynamics erfordert eine sechzig- bis siebzigstündige Arbeitswoche. Aber ich habe stets telefonischen Kontakt gehalten. Claire hat mich informiert.“
„Habe ich nicht“, sagte Claire leise.
Sie sprach nicht laut, sie rief nicht dazwischen. Aber im schallenden Raum 6C, in dem die Wanduhr wie ein Metronom tickte und die beiden Säuglinge im Kinderwagen gerade in einen unruhigen, leichten Schlaf gefallen waren, traf ihr Einwurf die Luft wie ein geworfener Kiesel ein sauberes Fenster.
Richterin Evelyn Harrow wandte den Blick nicht von Daniel ab. Ihre Brille mit dem schmalen Hornrand saß tief auf ihrem Nasenrücken, doch ihre Augen schienen darüber hinweg direkt in Daniels Nervensystem zu blicken.
„Herr Mercer“, sprach die Richterin mit jener eisigen, vollkommen emotionslosen Diktion, die im Gerichtssaal gefährlicher war als jedes gebrüllte Urteil. „Sie haben also in zehn Wochen keinen einzigen Kontrolltermin wahrgenommen. Sie wissen nicht, wie lange Ihre herzkranke Tochter aufrecht gehalten werden muss. Sie haben nachweislich dreihundertneunzig Dollar beigesteuert, während Ihre Frau von Ersparnissen lebt, die Sie bereits hälftig über ein separates Konto abziehen ließen – dazu kommen wir gleich noch. Und doch verlangt Ihr Anwalt im selben Atemzug eine 50/50-Teilung des physischen Sorgerechts. Ab sofort. Im wöchentlichen Wechsel.“
Warren Pike sprang auf. Er war ein stämmiger Mann mit einem rötlichen Gesicht, der den Ruf genoss, zermürbende Scheidungskriege durch schiere Masse an Schriftsätzen und bürokratischer Sturheit zu gewinnen. „Euer Ehren, die Bindung zwischen Vater und Kind muss von Anfang an gefördert werden! Mein Mandant beabsichtigt keineswegs, die Säuglinge während seiner Arbeitszeiten sich selbst zu überlassen. Er hat für entsprechende Unterstützung gesorgt. Es steht ein hervorragendes privates Netzwerk bereit. Es wurde ein voll ausgestattetes Kinderzimmer in seiner neuen Residenz eingerichtet. Die wirtschaftlichen Mittel meines Mandanten erlauben eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung, die der Mutter in ihrer derzeitigen prekären Situation schlicht unmöglich ist.“
„Prekär?“, murmelte Miriam Cole. Sie stand nicht auf. Sie lehnte sich nur ein Stück vor, stützte die Unterarme auf den Holztisch und sah Pike an. „Herr Pike, die finanzielle Lage meiner Mandantin ist genau aus einem einzigen Grund prekär: Ihr Mandant hat das Gehaltskonto, auf das beide Parteien Zugriff hatten, drei Tage nach der Entlassung der Kinder aus der Neonatologie geleert. Er hat 42.000 Dollar auf ein Einzelkonto bei der First National Bank transferiert. Frau Mercer musste die Kaution für ihre kleine Wohnung von ihrer eigenen Mutter leihen.“
„Das war eine Trennung von Betriebs- und Privatvermögen!“, warf Daniel hitzig ein. „Ich habe mein eigenes Einkommen gesichert!“
Hinter ihm, in der zweiten Reihe der Galerie, nickte Lauren Vale heftig. Ihre perfekt manikürten Fingernägel, lackiert in einem makellosen Nude-Ton, gruben sich in das weiche Kalbsleder der 4.500-Dollar-Tasche. Sie sah Daniel an, als wäre er ein edler Ritter auf einem Schlachtfeld, umgeben von Barbaren.
Richterin Harrow hob eine Hand. Es war keine dramatische Geste, lediglich ein Anheben von zwei Fingern. Doch der Raum verstummte schlagartig. Sogar Noah, der sich im Kinderwagen gereckt hatte, gab nur ein kurzes Glucksen von sich und schlief weiter.
„Ich habe genug von diesem Geplänkel gehört“, sagte Harrow. „Herr Mercer, treten Sie vor den Zeugenstand. Unter Eid. Wir klären jetzt die tatsächlichen Betreuungskapazitäten. Herr Pike, setzen Sie sich.“
Pikes Miene gefror. „Euer Ehren, es handelt sich hier lediglich um eine einstweilige Anhörung zur Festlegung vorläufiger Maßnahmen, eine formelle Vernehmung—„
„Setzen Sie sich, Herr Pike. Bevor ich beginne, Ihre Prozessführung nach Paragraph 128 als mutwillige Verzögerung zu werten.“
Pike sank auf seinen Stuhl zurück. Daniels Gesicht verlor die gesunde, sonnengebräunte Frische, die er sich offensichtlich bei einem Wochenendausflug geholt hatte. Er stand auf, knöpfte mechanisch sein Sakko zu – wieder knickte der Kragen links leicht ein, und für den Bruchteil einer Sekunde zuckte Claires Hand reflexartig nach vorn, bevor die Vernunft sie mit eisiger Härte stoppte – und trat hinter das hölzerne Pult.
Der Gerichtsschreiber vereidigte ihn. Daniel hob die rechte Hand. Seine Stimme klang gepresst.
Richterin Harrow blätterte in den Unterlagen, die Miriam eingereicht hatte. „Herr Mercer, Ihr Anwalt spricht von einem hervorragenden privaten Netzwerk, das die Betreuung der Kinder im Falle eines 50/50-Sorgerechts übernimmt. Wer genau ist dieses Netzwerk? Haben Sie eine Nanny engagiert?“
Daniel räusperte sich. „Wir … ich befinde mich derzeit in Gesprächen mit zwei renommierten Agenturen. Aber vorerst wird Frau Vale die Hauptbetreuung während meiner Abwesenheit übernehmen.“
Ein Ruck ging durch die zweite Reihe der Zuschauerbänke. Lauren Vale saß plötzlich kerzengerade da. Ein Lächeln huschte über ihre Züge, ein Ausdruck von Triumph, den sie nur mühsam hinter einer Fassade sanfter Mütterlichkeit zu verbergen suchte. Sie strich ihr elfenbeinfarbenes Revers glatt.






