„Niemand verlässt diesen Raum“, befahl Dominic. Seine Stimme schnitt durch den Saal wie eine Rasierklinge. „Schließe die Tore zur Auffahrt. Die Ausgänge zum Garten. Verriegele die Personaleingänge. Wer versucht, Ashbourne House vor meiner ausdrücklichen Erlaubnis zu verlassen, wird aufgehalten. Mit allen Mitteln.“
Panik flammte auf. Ein älterer Bankier mit schütterem Haar und rotem Gesicht machte zwei wütende Schritte nach vorn. „Vale! Das geht zu weit! Ich habe morgen früh eine Vorstandssitzung in New York! Sie können Chicagoer Notabeln nicht einfach wie Kriminelle einsperren—!“
Matteo wandte nur langsam den Kopf. Er hob weder die Hand noch berührte er das Holster unter seiner Achsel. Er sah den Bankier lediglich an. Der ältere Herr erstickte an seinem nächsten Wort, senkte den Blick und trat schwitzend zurück in die Menge.
„Pierce“, sagte Dominic und drehte sich um.
Pierce Carrington stand da wie zur Salzsäule erstarrt. Der bronzene Teint war vollkommen gewichen; seine Haut schimmerte feucht und kalkweiß unter den Lüstern. „Dominic… hör zu. Das ist absurd. Ein Missverständnis. Jemand… jemand im Club muss die Flasche manipuliert haben, bevor meine Leute sie abgeholt haben. Du kennst meine Loyalität! Wir stehen kurz vor der Fusion unserer Transportlinien! Welches Motiv sollte ich haben, dich—?“
„Ich habe dich noch gar nichts gefragt“, unterbrach ihn Dominic mit tödlicher Sanftheit.
Er trat vor Pierce, bis zwischen ihren Gesichtern kaum eine Handbreit Platz war. Dominic überragte ihn um einen halben Kopf, breitschultriger, massiver, eine Naturgewalt in weißem Hemd und Hosenträgern.
„Aber jetzt frage ich dich“, fuhr Dominic fort. „Warum hast du darauf bestanden, diese Flasche persönlich in die Bibliothek zu bringen, bevor ich nach oben gerufen wurde? Warum hast du den Sommelier weggeschickt, als er den Korken ziehen wollte? Und warum…“, Dominic hob eine winzige Scherbe des Flaschenhalses vom Boden auf, an deren oberem Rand noch das dunkelrote Siegelwachs klebte, „…ist genau hier, direkt neben dem Wappen des Weinguts, ein Einstich von der Dicke einer veterinärmedizinischen Kanüle zu sehen?“
Pierce schluckte. Er versuchte zu sprechen, doch nur ein heiseres Krächzen drang aus seiner Kehle. Seine Krawatte schien ihn plötzlich zu ersticken; seine Finger fuhren an seinen Kragen, rissen ihn auf, ein Knopf flog im hohen Bogen über den Parkettboden und rollte klappernd bis vor Blairs silberne Abendschuhe.
„Ich… ich weiß nichts von einer Kanüle“, stammelte er.
„Lügner“, sagte ich leise.
Alle Blicke schossen wieder zu mir. Blair funkelte mich an, als wollte sie mich an Ort und Stelle mit bloßen Händen zerfleischen. „Du elende Schlampe! Halt dein ungewaschenes Maul! Du wagst es—!“
„Vor genau zwanzig Minuten“, fuhr ich unbeirrt fort, während der Schmerz in meiner Schulter dumpf und pochend pochte, „stand ich am Anrichtetisch im Korridor hinter der Flügeltür. Ich polierte die Gläser für den Toast. Mr. Carrington kam aus dem Herrensalon. Er hatte die Flasche unter dem Arm. Und er hielt ein weißes Stofftaschentuch in der linken Hand, in das er hastig etwas einwickelte. Es war metallisch, etwa zehn Zentimeter lang. Als er mich sah, blieb er stehen, steckte das Tuch in seine rechte Sakkotasche und fragte mich herablassend, ob das Personal hier immer so träge im Weg herumstehe.“
Dominics Blick wanderte langsam von meinem Gesicht hinab zu Pierces rechtem Sakkoaufschlag.
„Pierce“, flüsterte Dominic. „Dreh deine Taschen um.“
„Nein! Dominic, das ist eine Verletzung meiner—!“
Dominic packte Pierce nicht am Kragen. Er griff mit einer blitzschnellen, fast beiläufigen Bewegung nach Pierces rechtem Handgelenk und drehte es nach hinten. Ein hässliches Knacken ertönte, gefolgt von einem gellenden Aufschrei. Pierce ging sofort in die Knie, genau an derselben Stelle, an der ich wenige Minuten zuvor gelegen hatte.
Mit der freien Hand griff Dominic in Pierces rechte Innentasche und zog ein schweres, weißes Leinentaschentuch mit den eingestickten Initialen P.C. hervor.
Er entfaltete es mit einer Hand.
Auf den cremefarbenen Stoff fiel eine gläserne Präzisionsspritze mit einer extra langen Hohlnadel aus Chirurgenstahl. An der Nadelspitze klebten winzige, getrocknete Reste von rotem Siegelwachs. Daneben lag eine kleine, braune Glasampulle, deren Etikett sorgfältig abgekratzt worden war – bis auf eine feine Ziffernfolge am unteren Rand: KCN-98%.
Das Entsetzen im Ballsaal war greifbar. Mehrere Frauen schrien auf. Ein jüngerer Mann taumelte rückwärts gegen eine Konsole und stieß eine Vase um, die scheppernd zersprang.
„Mein Gott…“, hauchte eine Stimme aus der Menge. „Er wollte ihn umbringen.“
Blair starrte auf die Ampulle. Ihre Lippen zitterten unkontrolliert. „Pierce… was… was hast du getan?“
Pierce kniete auf dem Marmor, sein Arm in Dominics eiserner Umklammerung gefangen. Schweiß tropfte von seiner Nasenspitze auf den Boden. Die elegante Fassade des elitären Carrington-Erben war vollkommen in sich zusammengebrochen. Tränen der Angst und des Zorns liefen über seine Wangen.
„Er hätte uns ruiniert!“, stieß Pierce schließlich hervor, halb wimmernd, halb fauchend. „Du hättest uns ruiniert, Dominic! Die Bilanzen… du hast deine Wirtschaftsprüfer auf unsere Reedereien angesetzt! Du hättest in drei Wochen gemerkt, dass die Schiffe leer fahren! Dass wir seit zwei Jahren pleite sind! Du hättest uns vor ganz Chicago bloßgestellt, den Vertrag platzen lassen und die Sicherheiten eingezogen! Wir wären auf der Straße gelandet!“






