„Also wolltest du mich vergiften“, stellte Dominic mit vollkommen monotoner Kälte fest. „Und Blair zur Alleinerbin des gemeinsamen Konsortiums machen, bevor die Tinte auf dem Ehevertrag trocken war. Da ihr noch nicht verheiratet seid, hätte der Notarvertrag gegriffen, den wir letzte Woche vorunterzeichnet haben: Bei meinem Ableben vor der Hochzeit fällt das gemeinsame Schifffahrtsvermögen treuhänderisch an die Carringtons.“

Dominic ließ Pierce los. Der Mann sank vollends auf den Boden, hielt sein verletztes Handgelenk an die Brust und schluchzte hemmungslos.

„Ein solider Plan“, sagte Dominic leise. „Dumm. Verzweifelt. Aber juristisch nicht ungeschickt eingefädelt.“ Dann sah er zu Blair.

Die Erbin wich zurück, bis ihr Rücken gegen eine marmorne Halbsäule stieß. „Dominic… ich wusste nichts davon! Ich schwöre es bei Gott und meiner toten Mutter, ich wusste nichts davon! Er hat mir nichts gesagt! Er hat nur gesagt, er bringt einen besonderen Wein für den Verlobungstoast mit!“

Dominic musterte sie. Seine Augen waren zwei kalte Spiegel, in denen sich die Leere spiegelte. „Du wusstest es vielleicht nicht, Blair. Aber du wusstest genau, wie du meine Angestellte behandelst. Du hast sie geschlagen. Mit einer Reitpeitsche. In meinem Haus. Vor meinen Gästen.“

„Sie… sie ist nur ein Dienstmädchen!“, schrie Blair verzweifelt, während ihre Stimme hysterisch überschlug. „Sie ist Dreck unter unseren Fingernägeln! Eine verurteilte Betrügerin! Sieh sie dir doch an! Sie passt nicht einmal in diese Welt! Schau dir ihren Körper an, ihre Kleidung—!“

„Sie“, unterbrach Dominic sie mit einer Härte, die die Luft im Raum gefrieren ließ, „hat mir vor zehn Minuten das Leben gerettet. Während du mir ein Glas Gift kredenzen wolltest und sie dafür züchtigen wolltest, dass sie dein funkelndes Seidenkleid vor Blutspritzern bewahrt hat.“

Er wandte sich ab. Er sah Blair nicht einmal mehr an. Für Dominic Vale existierte sie in diesem Moment schlichtweg nicht mehr.

„Matteo“, sagte er ruhig.

„Ja, Boss?“

„Bring Pierce in den Weinkeller. In den alten Raum hinter den Kühlkammern. Ohne Telefon. Ohne Arzt. Ich kümmere mich um ihn, wenn diese Farce hier vorbei ist.“

„Verstanden.“ Matteo trat vor, packte Pierce am Kragen seines Maßanzugs wie einen räudigen Hund und schleifte ihn gnadenlos über den Marmor in Richtung des hinteren Flurs. Pierces Stiefelabsätze kratzten über den Stein, seine verweifelten Schreie hallten durch das Gewölbe, bis die schwere Holztür mit einem dumpfen Schlag ins Schloss fiel.

Dominic wandte sich wieder an die zweihundert erstarten Gäste.

„Meine Damen und Herren“, sprach er mit fester, ruhiger Stimme. „Der heutige Abend ist beendet. Die Verlobung zwischen dem Hause Vale und dem Hause Carrington ist hiermit aufgelöst. Meine Chauffeure werden Sie nach draußen begleiten. Sollte auch nur ein einziges Wort von den Ereignissen dieser Nacht vor morgen Mittag an die Presse dringen, werde ich persönlich dafür sorgen, dass jedes einzelne Portfolio, jede Immobilie und jeder Kreditrahmen der hier Anwesenden einer sehr gründlichen, sehr schmerzhaften Revision unterzogen wird. Einen schönen Abend noch.“

Niemand widersprach. Niemand verabschiedete sich. Die Elite Chicagos floh.

In einer beängstigenden Stille strömten die Millionäre, Banker, Richter und Erbinnen zu den Garderoben. Pelzmäntel wurden in hastiger Panik übergezogen, Handtaschen an die Brust gepresst. Innerhalb von weniger als zehn Minuten leerte sich der gewaltige Ballsaal von Ashbourne House wie ein sinkendes Schiff. Nur Blair Carrington stand noch immer verloren an der Marmorsäule, ihre Wangen von Tränen und verschmierter Wimperntusche gezeichnet, bis zwei von Dominics Leibwächtern lautlos an sie herantraten und sie mit eisernen Mienen zum Seitenausgang geleiteten.

Schließlich waren nur noch Dominic und ich im Raum.

Und die Stille.

Der Geruch von verschüttetem Wein, Bittermandeln und erlöschenden Kerzen hing wie ein Leichentuch über den Trümmern des Festes. Mein Adrenalin, das mich die ganze Zeit aufrecht gehalten hatte, begann schlagartig zu verpuffen. Eine bleierne, eiskalte Erschöpfung sackte in meine Knochen. Meine Knie gaben nach.

Ich taumelte, doch bevor meine Knie den nassen Marmor berühren konnten, waren Dominics Hände da.

Er fing mich an den Oberarmen ab. Seine Berührung war überraschend sanft, ganz im Gegensatz zu der brutalen Gewalt, die er Minuten zuvor ausgestrahlt hatte. Er hielt mich fest, stützte mein Gewicht ohne die geringste Anstrengung und zog das schwere Revers seines Jacketts enger um meine entblößte, schmerzende Schulter.

„Ganz ruhig, Nora“, murmelte er. Seine Stimme klang nun ganz nah, tief und dunkel. „Ich hab Sie.“

„Mr. Vale…“, flüsterte ich, und zu meiner eigenen Wut zitterte meine Unterlippe. „Der Teppich… wenn wir ihn nicht sofort mit warmem Wasser und Salz behandeln, wird die Säure das Gewebe— “

Er stieß ein kurzes, raues Lachen aus. Es war kein belustigtes Lachen, sondern der Laut eines Mannes, der die Absurdität der Welt für einen flüchtigen Moment begriff.

„Zur Hölle mit dem Teppich“, sagte er leise. „Kommen Sie. Wir gehen nach oben.“

„Ich gehöre nicht nach oben. Das Personal darf die privaten Gemächer nicht— “

„Sie sind ab heute kein Dienstmädchen mehr in diesem Haus, Nora. Und jetzt hören Sie auf zu diskutieren und lassen Sie sich helfen.“