Ein bitterer Geschmack legte sich auf meine Zunge, der nichts mit dem Whisky zu tun hatte. „Ich dachte, Sie haben meine Akte gelesen, Mr. Vale. Die Gerichte haben entschieden. Ich wurde freigesprochen, aber meine Reputation ist Asche.“
„Ich kenne die Gerichtsakten“, erwiderte er gelassen. „Die Gerichtsakten sagen, dass Dr. Gregory Vance, der Sohn des Vorstandsvorsitzenden, Sie beschuldigte, firmeneigene Forschungsergebnisse über ein neues Enzympräparat an ein chinesisches Konsortium verkauft zu haben. Die Beweise lagen auf Ihrem Laptop. Ihr Name stand unter den Überweisungen auf ein Offshore-Konto auf den Cayman Islands. Sie wurden verhaftet, verloren Ihre Zulassung, Ihre Wohnung, Ihr gesamtes Vermögen für Anwaltskosten. Und als das Berufungsgericht feststellte, dass die IP-Adressen manipuliert worden waren, war die Firma bereits an einen Schweizer Konzern verkauft – für dreihundert Millionen Dollar. Gregory Vance kassierte ab, und Sie blieben auf den Scherben sitzen.“
Ich starrte in mein Glas. Die Worte taten weh, genau wie damals. Jedes einzelne rief die Erinnerung an die Blitzlichter der Reporter wach, an die höhnischen Blicke meiner Kollegen, an Gregorys glattes, falsches Lächeln, als er vor Gericht gegen mich aussagte.
„Gregory wusste genau, was er tat“, sagte ich leise. „Er hatte die Phase-III-Studien gefälscht. Das Medikament war hochgradig toxisch für die Leber. Ich hatte die Originaldaten im Labor gesichert und wollte sie an die Aufsichtsbehörde weiterleiten. In derselben Nacht, in der ich die Unterlagen sichern wollte, verschwanden die Proben aus dem Tresor. Am nächsten Morgen stand das FBI in meinem Büro. Gregory hatte mich nicht nur betrogen; er hatte mich als Blitzableiter benutzt. Er wusste, dass niemand einer übergewichtigen, unscheinbaren Laborratte glauben würde, die ohnehin keinen Rückhalt in der feinen Bostoner Gesellschaft hatte. Ich war die perfekte Sündenböckin.“
Ich sah auf. Ich erwartete das übliche mitleidige Nicken, die herablassende Floskel des Bedauerns, die man Menschen wie mir entgegenbrachte.
Doch in Dominics Gesicht war kein Mitleid. Da war nur ein kaltes, berechnendes Funkeln.
„Wissen Sie, wer Gregory Vances größter Gläubiger bei der Übernahme war?“, fragte Dominic ruhig.
Ich blinzelte. „Was?“
„Gregory Vance hat sich verspekuliert, Nora. Vor zwei Jahren. Bei Leerverkäufen auf dem Rohstoffmarkt. Er brauchte damals dringend Liquidität, um die Phase-III-Fälschungen zu vertuschen, bevor der Schweizer Konzern die Due-Diligence-Prüfung abschloss. Er lieh sich fünfzig Millionen Dollar von einer privaten Investmentgesellschaft in Chicago.“
Dominic nahm einen Schluck aus seinem eigenen Glas.
„Diese Gesellschaft gehört mir.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Der Raum schien sich für eine Sekunde um mich zu drehen. „Sie… Sie finanzieren Gregory?“
„Ich finanziere jeden, der dumm genug ist, mein Geld zu nehmen, ohne die Zinsen zu hinterfragen“, korrigierte er mich emotionslos. „Bis heute Morgen dachte ich, Gregory Vance sei lediglich ein arroganter Betrüger, der mir jeden Monat pünktlich seine Zinszahlungen überweist. Aber heute Nacht… heute Nacht haben die Carringtons versucht, mich zu töten. Und wissen Sie, wer der größte Kunde der Carrington-Reedereien an der Ostküste ist?“
Ich schüttelte langsam den Kopf, obwohl sich in meinem Hinterkopf bereits die ersten Puzzleteile zu einem erschreckenden Gesamtbild zusammenfügten.
„Vance-BioTech“, flüsterte ich.
„Exakt“, sagte Dominic. „Die Carringtons transportierten die Chemikalien für Vances Laboratorien. Undurchsichtige Frachtrouten, keine Zollerklärungen, direkte Schmuggelwege über die Großen Seen. Pierce Carrington und Gregory Vance stecken bis zum Hals in derselben Grube. Und als Pierce merkte, dass meine Buchprüfer seine Reedereien auseinandernehmen würden, geriet nicht nur Pierce in Panik. Vance geriet in Panik. Denn wenn meine Leute die Bücher der Carringtons öffnen, finden sie nicht nur leere Frachträume. Sie finden die illegalen Schmuggelprotokolle für Vances manipulierte Chemikalien.“
Die Luft in der Bibliothek schien mit einem Mal elektrisch geladen zu sein.
„Deshalb die Blausäure“, sagte ich leise, während die Kälte erneut über meine Haut kroch. „Zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie wären tot gewesen. Die Carringtons hätten durch den Treuhandvertrag die Kontrolle über Ihr Logistiknetz übernommen. Und niemand hätte jemals die Frachtbriefe geprüft. Gregory Vance wäre sauber davongekommen.“
Dominic stand langsam auf. Er stellte sein Glas auf dem Kaminsims ab und trat an das große Panoramafenster, von dem aus man über das nächtliche Anwesen blicken konnte. Draußen patrouillierten schwere schwarze SUVs mit abgedunkelten Scheiben. Blaulichter flammten nirgends auf. Dominic regelte solche Dinge nicht mit der Polizei.
„Gregory Vance hat Ihnen Ihr Leben genommen, Nora“, sagte Dominic, ohne sich umzudrehen. „Er hat Ihre Karriere zerstört, Ihren Ruf vernichtet und Sie dazu verdammt, in den Häusern derer den Boden zu wischen, die ihn zu ihren Partys einladen.“
Er drehte sich um. Das Licht des Feuers zeichnete scharfe Schatten auf seine markanten Wangenknochen.
„Morgen früh um neun Uhr sollte eine Krisensitzung der Carrington-Holding in der Innenstadt stattfinden. Pierce wird nicht dort sein. Er wird… anderweitig beschäftigt sein. Blair wird damit beschäftigt sein, ihre Koffer zu packen und die Stadt zu verlassen, wenn sie an ihrem Leben hängt.“
Dominic kam auf mich zu, blieb einen Schritt vor mir stehen und blickte auf mich herab.






