Er führte mich nicht durch das Dienstbotentreppenhaus. Er führte mich über die breite, geschwungene Haupttreppe aus weißem Carrara-Marmor, an den Ahnenporträts und den goldenen Wandleuchtern vorbei, hinauf in den privaten Ostflügel des Anwesens. Mein Körper schmerzte bei jedem Schritt. Der Riss über meinem Schulterblatt brannte wie Feuer; Blairs Hiebe hatten die Haut aufgeplatzt, und der feine Seidenstoff von Dominics Jacke klebte bereits am geronnenen Blut.

Er brachte mich in seine private Bibliothek – ein gewaltiger, mit dunklem Walnussholz getäfelter Raum, dominiert von meterhohen Bücherregalen, einem massiven Kaminfeuer und schweren Ledersesseln. Auf einem Beistelltisch stand ein halbleeres Glas Scotch.

Dominic wies auf das breite Sofa vor dem Kamin. „Setzen Sie sich.“

Ich zögerte. Der Bezug war aus feinstem, cognacfarbenem Kalbsleder. „Ich werde das Leder ruinieren. Ich bin voller Schmutz und Wein.“

Dominic sah mich an. Es war derselbe Blick, mit dem er vorhin den Saal zum Schweigen gebracht hatte, doch diesmal lag darin keine Kälte, sondern ein unnachgiebiger Wille. „Setzen. Sie. Sich.“

Ich gehorchte vorsichtig und ließ mich auf die Kante des Polsters sinken. Die Wärme des Kaminfeuers schlug mir entgegen und ließ den Schmerz in meinem Rücken nur noch intensiver pulsieren. Ich biss mir auf die Unterlippe, um keinen Laut von mir zu geben.

Dominic verließ kurz den Raum und kehrte wenige Augenblicke später mit einem Erste-Hilfe-Koffer aus Metall und einer Schüssel mit warmem Wasser zurück. Hinter ihm trat eine ältere Frau ein – Mrs. Gable, die Chefhaushälterin, eine strenge Schottin, die mir in den vergangenen acht Monaten das Leben nicht eben leicht gemacht hatte. Doch als Mrs. Gable mich dort sitzen sah, eingehüllt in Vales Jackett, lag in ihren Augen weder Verachtung noch Zurechtweisung. Nur ein tiefes, fast ehrfürchtiges Entsetzen.

„Lassen Sie uns das machen, Mr. Vale“, sagte Mrs. Gable leise und griff nach der Schere.

„Nein“, erwiderte Dominic ruhig, ohne aufzusehen. „Bringen Sie frische Kleidung für Nora. Aus den Gästesuiten im Westflügel. Etwas Weiches. Und rufen Sie Dr. Evans an. Er soll in zwanzig Minuten hier sein, durch den Hintereingang.“

„Ja, Sir.“ Mrs. Gable nickte knapp und verließ geräuschlos das Zimmer.

Dominic stellte die Schüssel auf den Tisch, kniete sich neben das Sofa und sah mich an. „Darf ich?“

Ich nickte stumm.

Mit erstaunlich behutsamen Fingern schob er sein Abendjackett von meinen Schultern. Als der Stoff sich von der offenen Wunde löste, zuckte ich unwillkürlich zusammen und presste die Zähne aufeinander. Dominic hielt inne, wartete, bis ich wieder atmen konnte, und zog den zerrissenen Kittel dann vorsichtig zur Seite.

Ich hörte, wie er die Luft scharf durch die Zähne einzog.

„Drei Hiebe“, murmelte er grimmig. „Einer hat die Haut über der Wirbelsäule tief aufgerissen. Die Silberfassung der Gerte.“

„Es brennt nur ein bisschen“, log ich, während mir kalter Schweiß auf die Stirn trat.

„Hören Sie auf, die Starke zu spielen, Nora“, sagte er rau. Er tunkte ein sauberes Tuch in das warme Wasser und begann, das getrocknete Blut vorsichtig von meinem Rücken zu waschen. Seine Hände waren warm, fest und vollkommen ruhig. „Sie haben heute Nacht mehr Mut bewiesen als jeder Mann in diesem Saal. Einschließlich mir.“

„Sie haben die Reitpeitsche zerbrochen“, erwiderte ich, um mich von dem stechenden Brennen der Desinfektion abzulenken. „Das sah nicht nach Feigheit aus.“

„Es war Theater“, entgegnete er kühl, während er eine antiseptische Salbe auf die Wunde strich. Seine Berührungen waren methodisch, fast klinisch. „Gegenüber Blair war es Theater. Gegenüber Pierce war es Notwendigkeit. Aber die Tatsache, dass eine Frau, die mein Geschirr spült, mein Leben vor einem Hinterhalt retten musste, ist ein unverzeihliches Versagen meiner Sicherheitsleute. Matteo wird dafür einige sehr unangenehme Fragen beantworten müssen.“

„Geben Sie ihm nicht die Schuld“, sagte ich leise. „Pierce Carrington war Ihr zukünftiger Schwager. Niemand durchsucht die Familie an der Tür.“

Dominic hielt inne. Seine Hand verharrte kurz auf meiner unversehrten Schulter, schwer und beruhigend. „In meiner Welt gibt es keine Familie, Nora. Es gibt nur Allianzen und Feinde. Und manchmal verwischen die Grenzen so sehr, dass man erst merkt, wer wer ist, wenn das Gift bereits im Glas ist.“

Er klebte einen sterilen Verband über meinen Rücken und trat zurück. Er wusch sich die Hände in der Schüssel, trocknete sie an einem Handtuch ab und goss zwei Fingerbreit bernsteinfarbenen Scotch in ein schweres Kristallglas. Er reichte es mir.

„Trinken Sie. Das beruhigt die Nerven.“

Ich nahm das Glas. Meine Hand zitterte noch immer leicht, als ich das Glas an die Lippen setzte. Der Alkohol brannte angenehm in meiner Kehle und breitete eine wohlige Wärme in meinem Magen aus.

Dominic setzte sich in den Sessel mir gegenüber, lehnte sich zurück und verschränkte die langen Beine. Er musterte mich im flackernden Schein des Kaminfeuers.

„Erzählen Sie es mir“, forderte er mich auf.

„Was?“

„Die Wahrheit über Vance-BioTech. Und über Ihren Ex-Verlobten.“